Whiskyautor Charlie MacLean blickt auf die Gründung der Scotch Malt Whisky Society vor 35 Jahren zurück, skizziert ihren Einfluss auf die Whiskybranche und erzählt über seine Erfahrungen als langjähriger Vorsitzender des Tasting Panels

Charlie MacLean ist seit den Anfängen der Scotch Malt Whisky Society im Edinburger Hafenviertel Leith aktiv an den Geschicken der Society beteiligt, zuerst als begeistertes Mitglied und seit 1992 als Vorsitzender des Tasting Panels.

Wir sind bei ihm zuhause in Edinburgh, umgeben von Whiskybüchern und natürlich Whiskyproben und Charlie hält Rückschau auf die Gründung der Society und ihre Rolle in der Welt des Whiskys.
„Wir waren echte Pioniere,“ sinniert Charlie. „Es darf nicht vergessen werden, dass Malt Whisky damals in den Kinderschuhen steckte. Sowohl Glenmorangie als auch The Macallan begannen erst 1981 damit, ihre Malts ernsthaft zu vermarkten, was im Rückblick fast unglaublich erscheint. Damals wurde weniger als ein Prozent des Scotch Whisky als Single Malt abgefüllt – gerade mal eine von 100 Flaschen.“

„Zu der Zeit herrschte eine ernste Krise, die Industrie war völlig durcheinander, die Absätze waren im Keller und viele Brennereien machten zu. Vor diesem schwierigen Hintergrund spielte die Society eine wichtige Rolle dabei, die entgegen allen Erwartungen zunehmende Beliebheit von Single Malt Whisky zu entwickeln und zu fördern.“

The Vaults had an 'honesty box' system to sample whiskies before the Members' Rooms were completed.

Als Charlie The Vaults in Leith zum ersten Mal besuchte, gab es den heute so beliebten Members’ Room noch gar nicht. Trozdem war es bereits damals ein Treffpunkt für Whiskyliebhaber, die sich hier erstmals mit Gleichgesinnten zu einem Single Cask Whisky oder zwei einfanden.

„In der Ecke stand eine kleine Kommode, auf der verschiedene Kostproben standen. Man kam einfach hin, nahm sich einen Whisky und steckte das Geld dafür in die Vertrauenskasse. Meistens stießen andere dazu, die dann sagten, „Mensch, probier den mal, der ist wirklich toll!“ Und schon hatte man seine Nase in einem anderen Dram und die Vertrauenskasse wurde wieder ein wenig voller.“

„Dieses Konzept, dass man Single Cask Whisky in Fassstärke, ohne Kühlfilterung und ohne jegliche Farbzusätze verkostet, war völlig neu. Bis die Society mit dieser Idee aufwartete, hatte es sowas noch gar nie gegeben!“

In den darauffolgenden Jahren erlebte Charlie hautnah mit, wie aus diesen bescheidenen Verkostungen kleiner Gruppen Interessierter in The Vaults ein großer und zunehmend international tätiger Club wurde. In dieser Zeit schrieb Charlie auch immer mehr über die zahlreichen Facetten der Whiskyindustrie und beschloss 1992 nach einem Lehrgang über die sensorische Beurteilung von Spirituosen bei Dr. Jim Swan und Sheila Burtles an der Pentlands Scotch Whisky Research [Vorgängerin des Scotch Whisky Research Institute], sich ausschließlich der Schriftstellerei zu widmen.

Completing a course in the sensory evaluation of whisky with Dr Jim Swan changed Charlie's life, he says.

„Der Lehrgang veränderte mein Leben komplett,“ meint Charlie. „Ich hatte damals gerade mein erstes Buch über Whisky fertiggestellt und musste nach diesem Lehrgang meine ganzen Verkostungsnotizen neu überarbeiten!“

„Nicht lang darauf fragte mich Richard Gordon, damals Geschäftsführer der Society, ob ich Interesse am Vorsitz des Tasting Panels der SMWS hätte. Die Verkostungsnotizen hatten seit jeher den Ruf, provokant, unterhaltsam, etwas schräg und ausgefallen zu sein und meine Aufgabe bestand darin, dies zu fördern und gleichzeitig die Abläufe zu zu strukturieren, so dass wir zum Beispiel zuerst über das Aussehen eines Whiskys und erst danach über seinen Geschmack diskutierten.“

„Wir probieren viele Whiskys, die durchaus gut sind, aber nicht gut genug zur Abfüllung als Single Cask Single Malt. Wir sind stets auf der Suche nach abgrenzenden Prädikaten, wobei es sich um ein außergewöhnlich markantes Beispiel eines Whiskys, aber auch um ein ungewöhnliches und völlig aus dem Rahmen fallendes Beispiel handeln kann.“

„Alles in allem suchen wir nach einem interessanten, aber auch gut trinkbaren Whisky, der im Idealfall zwei der wichtigsten Merkmale in sich vereint: einen reifen Charakter und einen Wesenszug seiner Herkunftsbrennerei.“

Charlie on the Tasting Panel, making his selection for July's Outturn.

Charlie legt auch besonders viel Aufmerksamkeit auf die in den Verkostungsnotizen verwendete Sprache, in der sich subjektive Eindrücke individueller Verkoster mit spezifischen Beschreibungen, über die sich der Großteil des Gremiums einigen können, das Gleichgewicht halten.

„Die SMWS konzentrierte sich als Erste auf Geschmack und Aroma und hat wirklich eine neue Sprache erfunden, in der wir über Whisky diskutieren. Es geht bei den Single Cask Abfüllungen der Society ja an erster Stelle um die unendlich vielfältigen Aspekte des Whiskys und das muss sich auch in den Verkostungsnotizen ausdrücken.“

„So ist zum Beispiel die Bezeichnung ‘fruchtig’ eine gängige Beschreibung, vor allem für Speyside Whiskys. Es geht jedoch darum, dies zu präzisieren – schmecken wir getrocknetes oder frisches Obst heraus? Oder vielleicht Zitrusfrüchte? Oder Obst aus der Dose? Eingemachte Beeren oder Bratäpfel? Das macht Spass, sorgt für lebhafte Debatten und gehört unbedingt dazu.“

„Ich möchte aber betonen, dass wir Beschreibungen nicht einfach so aus der Luft greifen. Ein großartiges Beispiel dafür war ein Islay Whisky, den unser Panel mit ‘Neopren-Tauchanzug und Kohle‘ umschrieb. Eines unserer Mitglieder stattete uns einen Besuch ab und meinte etwas aufgebracht, unsere Notizen würden langsam absurd. Er zog einen Neopren-Schuh aus der Tasche und dann verkosteten wir besagten Whisky erneut. Eine zufällig ausgewählte Gruppe von Mitgliedern erhielt erst eine Nase voll Whisky und durfte dann am Neopren-Schuh schnuppern. Der mehrheitliche Konsensus: die Beschreibung passt perfekt. Volltreffer!“

Was die Schulung der Nase anbelangt – so dass auch Sie bei der nächsten Society-Abfüllung das subtile Aroma von Neopren oder anderer Kuriositäten herausriechen können – so hat Charlie noch einen guten Ratschlag auf Lager:

„Ich höre oft, dass ich den wohl besten Job der Welt habe: Whisky trinken, davon erzählen und darüber schreiben. Wie ergattert man so einen Job? Darauf gibt es für mich nur eine Antwort: „(Lange!) Übung macht den Meister.“